Sonntag, April 06, 2025

Wer erinnert sich nicht an die New Economy? Ein Ausbruch des kollektiven Größenwahns. Die Schnellen schlagen die Langsamen, die Großen die Kleinen. Kein Stein werde am anderen bleiben, jedes Geschäft von Grund auf transformiert, verkündete die Gilde der Consulter. Der Bewusstseinstrübung verfielen nicht nur pickelige Jungmanager, sondern auch die Spitzen der Wirtschaft. In der Münchener Konzernzentrale von Siemens stapelten sich damals die Anfragen von Hochfinanz und Industrie: Wir brauchen einen elektronischen Marktplatz, und das bitte plötzlich, denn Speed kills. Einer der Anfrager gab Siemens gar nur 24 Stunden Zeit, ein Offert auszuarbeiten. In kürzester Zeit wurden weltweit mehr als eintausend Marktplätze aus der Taufe gehoben, doch die Katerstimmung folgte auf dem Fuß. Rund 90 Prozent der ehrgeizigen und sündhaft teuren Projekte sind heute Geschichte, Milliarden in den Sand gesetzt. Es geht auch anders.

Klein aber fein, dachten sich zwei österreichische Schokolademanufakturen, die das Internet schon lange für sich entdeckt haben. Bernhard Musil vertreibt seine Schokoladekreationen von Klagenfurt aus in die ganze Welt, sein Kollege Josef Zotter bedient vor allem europäische Kernmärkte vom steirischen Riegersburg aus. Beide Unternehmen sind das, was man als klassisches österreichisches KMU bezeichnet. Eher klein als mittel, dem Gewerblichen verhaftet, seit Jahrzehnten oder Generationen im Familienbesitz. Unaufgeregt geben sich schon die Namen der beiden Webseiten. Statt vordergründig hippen Fantasiebezeichnungen sind die Netzplattformen schlicht und schnörkellos unter www.musil.at und www.zotter.at zu erreichen.

Bodenhaftung. Josef Zotter - von allen Sepp gerufen - ist nicht leicht zu erreichen. Wenn man ihn am Telefon erwischt, dann meistens in der Produktion. Seiner Produktion, auf die er hörbar stolz ist, umgeben von lärmenden Maschinen, die den Schokoteig kneten. Wann er genau mit dem Internet als Vertriebsplattform begonnen hat, kann Sepp Zotter nicht mehr genau sagen: »Das muss ganz am Anfang gewesen sein. Vor vielleicht sieben oder acht Jahren.« Die Wellen der großen New-Economy-Welt sind auch im kleinen Riegersburg gestrandet. »Das war schon verrückt. Die Riegersburger Geschäftsleute sind alle zusammengesessen und haben geglaubt, dass in fünf Jahren keiner mehr ein Geschäft braucht«, erinnert sich der Sepp. Aber die Sturmtruppen von McKinsey und Co. waren weit weg. Gott sei Dank, möchte man sagen, denn in Riegersburg kehrte schnell wieder gesunder Pragmatismus ein. Sein erster Provider, junge euphorische Burschen, die von der Eroberung der Welt träumten und ihre Programmierung nach Indien outsourcten, kollabierte in die Pleite. Aber Zotter investierte mit Augenmaß. Das Startjahr seines Webauftritts kostete rund 30.000 Schilling, bis heute hat er insgesamt vielleicht sechs- oder siebentausend Euro in seinen virtuellen Shop gesteckt. Seine Produkte: individuelle, lustige und vor allem hoch qualitative Schokoladeerzeugnisse.

Fündig werden Naschkatzen, Großmütter und Endkunden aller Art, aber auch Manager, Firmenkunden und Wiederverkäufer werden virtuell bedient. Hitrates und Pageviews? »Ich glaube, es sind viele. Aber für Details müssen sie meinen Provider fragen. Mich interessiert das nicht so«, sagt Zotter. Im Hintergrund werken lautstark die Maschinen, der Sepp liebt eben seine Produkte, nicht das Internet. Ein McKinsey-Mann würde das Konzentration auf das Core-Business nennen. Der Riegersburger gibt sich bescheiden, aber Zotter hat mehr als eine Nische gefunden. Zwischen Schweden und Italien beliefert der Riegersburger heute rund 1500 Wiederverkäufer, auch das Event- und PR-Geschäft ist auf Touren. Die Wiener Museen und Kunstbetriebe kaufen die süßen Goodies für ihre Kunden bei Zotter. Ebenso wie die Bank Austria Creditanstalt. Auch High-tech ist im Spiel: Für Spezialaufträge bekommt Zotters Druckerei Logos, Farbvorlagen und Schriftzüge direkt von den Kunden via Internet, durch die Vernetzung werden beinahe zeitgleich auch die Produktionslinien der Schokolademanufaktur angeworfen. Wer es eilig hat, dem liefert der Sepp seinen Individualauftrag innerhalb von drei Tagen, notfalls via Botendienst.

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