Freitag, April 04, 2025
Hat die europäische Automobilindustrie Entwicklungen verschlafen?
Bild: iStock

Die Lage in der europäischen Automobilindustrie ist angespannt: Volkswagen will drei Standorte schließen, Während in China erstmals mehr Elektro- und Hybridautos als Verbrenner verkauft werden, schrumpfen die Verkäufe von VW, BMW und Mercedes auf den wichtigsten Weltmärkten. Europa hinkt hinterher – in der Technologie und beim Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur. Wie sich die Krise auf österreichische Zulieferer auswirkt, hat Report(+) bei Expert*innen nachgefragt.


1. Hat die europäische Automobilindustrie Entwicklungen verschlafen?

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"Nur bedingt, vor allem hat die Politik versäumt, marktgerechte Rahmenbedingungen für eine industriefreundliche Transformation zu schaffen. Handelshemmnisse wie Zölle belasten die Branche, ohne wirtschaftlichen Aufschwung zu bringen. Statt notwendiger Anreize haben ambitionierte und überzogene Klimamaßnahmen (»Verbrennerverbot«, Flottenziele, CBAM, Lieferkettengesetze etc.) die Kosten für die Industrie erhöht und den Absatz eingeschränkt, ohne dabei einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten."

Dietmar Schäfer, Vorsitzender der ARGE Automotive Zuliefererindustrie in der Wirtschaftskammer Österreich

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"Die Sorge, die deutsche Autoindustrie hätte die Elektromobilität verschlafen und sei daher nicht mehr wettbewerbsfähig, lässt sich nicht bestätigen: Die deutsche Autoindustrie hatte sich zwar sehr lange auf ihre Erfolge mit dem Verbrenner konzentriert. Allerdings hat sie in den letzten Jahren massiv aufgeholt, was Produktion und Umsätze, national wie auch global, von Elektrofahrzeugen anbelangt. Schon 2021 lag Deutschland bei den weltweiten Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen auf dem dritten Platz, hinter China und den USA, und konnte diese Position bis 2023 weiter ausbauen."

Anita Wölfl, Ökonomin am ifo Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung der Universität München


2. Wie kann der Absturz noch gebremst werden?

"Der Abwärtstrend lässt sich nur durch gezielte Investitionsanreize und faire Regulierungen bremsen, die auf die Bedürfnisse der Industrie eingehen. Politische Unterstützung in Form von Förderprogrammen, Bürokratieabbau und einem fairen globalen Wettbewerb sind notwendig. Eine Revision der regulatorischen Klimamaßnahmen, insbesondere unter Reflektion mit den veränderten globalen, politischen Rahmenbedingungen erscheint unumgänglich. Europa ist auf gutem Weg die Automotive-Leitindustrie einer ideologischen Politik zu opfern. Jedenfalls darf sich Mobilität nicht weiter zum Luxusgut entwickeln."

Dietmar Schäfer


"Die aktuelle Misere ist nicht der Anfang vom Ende der deutschen Autoindustrie. Der Weg zur Elektromobilität wird noch eine lange Durststrecke werden. Dabei werden weniger Fertigungskapazitäten benötigt, schon weil E-Autos weniger komplex sind. Die deutsche Autoindustrie beweist aber auch gerade jetzt wieder ihre größte Stärke, ihre Innovationskraft: Nicht nur bei den Umsätzen, sondern auch bei den Patenten, die im Bereich der grünen Antriebstechnologien bei den weltweit wichtigsten Patentämtern angemeldet werden, gehören die deutschen Akteure mittlerweile zu den führenden Nationen."

Anita Wölfl


3. Welche Chancen haben österreichische Zulieferer?

"Österreichische Zulieferer könnten durch ihre Innovationskraft punkten, doch die schwache Investitionsbereitschaft im Markt macht dies schwierig. Ohne rasche politische Maßnahmen droht ein Beschäftigungsabbau. Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie der Zugang zu internationalen Märkten sind entscheidend, um langfristig erfolgreich zu bleiben. Die stark gestiegenen Faktorkosten in den vergangenen Jahren setzen die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Zulieferer unter Druck, sodass Entlastungen für die Betriebe dringend notwendig werden, z.B. durch eine signifikante Senkung der Lohnnebenkosten."

Dietmar Schäfer


"Für die Zuliefererunternehmen gilt genauso wie für die Autohersteller in Europa und weltweit: Die Zukunft gehört den alternativen Antrieben, allen voran der Elektromobilität. Und auch – oder sogar besonders – für die Zuliefererunternehmen bedeutet diese Transformation eine große Herausforderung. Die österreichischen Automobilzulieferer sind jedoch sehr breit aufgestellt und konnten sich schon in der Vergangenheit durch Qualitäten wie Ingenieurs­kunst, Flexibilität und Innovationskraft auszeichnen. Auf diese Stärken lässt sich auch für die Mobilität von morgen aufbauen – gute Ansätze dafür sind ja schon vorhanden."

Anita Wölfl

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