Samstag, April 05, 2025
Die österreichische Bauwirtschaft ist … anders
Warum »Nachhaltigkeit« in der österreichischen Bauwirtschaft einen höheren Stellenwert als in anderen Ländern hat, erklärt Horváth-Experte Stefan Bergsmann so: »Ich glaube, dass die österreichische Bauwirtschaft stark unter ihrem Ruf leidet. Es gibt ein enormes Baubashing.«

Die internationale Baubranche erwartet für 2025 leicht steigende Umsätze. Ausnahme: Österreich. Auch beim Stellenwert der Nachhaltigkeit geht die heimische Branche nicht mit dem Rest der Welt d’accord. Das sind die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Managementberatung Horváth. Der Bau & Immobilien Report hat mit Co-Autor Stefan Bergsmann ausführlich über die Details der Studie und die österreichischen Besonderheiten gesprochen.


Mit rund 50 Geschäftsführungs- und Vorstandsmitgliedern großer Bauunternehmen, darunter 15 aus Österreich, hat die Manage­mentberatung Horváth in persönlichen Tiefeninterviews über Branchenentwicklungen gesprochen. Nachdem die Umsatzentwicklungskurve über die vergangenen drei Jahre stetig gesunken ist, blicken die meisten Unternehmensverantwortlichen auf 2025 erstmals wieder positiv. Mit einer Einschränkung, in Österreich sieht man die Lage etwas weniger optimistisch. »Obwohl die Zahlen der heimischen Bauindustrie nicht so schlecht sind, sind die Führungskräfte der österreichischen Unternehmen spürbar pessimistischer als ihre internationalen Kollegen«, erklärt Stefan Bergsmann von Horváth Österreich. Dennoch rechnen auch in Österreich zwei Drittel der befragten Unternehmen für 2025 mit einer positiven Umsatzentwicklung. Gestützt wird dies vor allem durch die Projekte im Bereich Infrastruktur und Tiefbau sowie eine Zunahme bei Renovierungen.

Auch beim Thema Nachhaltigkeit schert die österreichische Bauindustrie im internationalen Vergleich etwas aus. »Nachhaltigkeit wird hierzulande deutlich höher und wichtiger eingeschätzt«, so Bergsmann. Greenwashing spiele dabei nur eine sehr untergeordnete Rolle. »Wir sehen sehr ernsthafte Anstrengungen.« Das habe aber weniger altruistische Motive als vielmehr handfeste wirtschaftliche Gründe. »Die Unternehmen wissen, dass sich etwas ändern muss, wenn sie auch in zehn, 20 Jahren noch als Bauunternehmen tätig sein wollen.« Dazu komme, dass die Bauwirtschaft in Österreich einen sehr schlechten Ruf genieße. »Es gibt ein enormes Baubashing. Darunter leidet die Branche sehr«, so der Horváth-Experte. Für heiß diskutierte Themen wie die Bodenversiegelung werde die Bauwirtschaft verantwortlich gemacht. »Dabei ist das eine Entscheidung des Bauherrn.«

Zudem würden die Anstrengungen und Fortschritte bei der Reduktion der CO2-Emissionen bei der Herstellung von Zement oder Beton seiner Meinung nach zu wenig gewürdigt. »Man kann auch nicht alles aus Holz bauen. Das ›HoHo‹ in der Seestadt Aspern steht auch nur deswegen, weil es einen Betonkern hat.« Aus seiner Sicht wäre deshalb eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit der Branche zielführend, um mit diversen Mythen rund um das Bauen aufzuräumen.

Ein weiterer Grund für den höheren Stellenwert der Nachhaltigkeit in Österreich ist laut Bergsmann darin zu suchen, dass die Branche in der Umsetzung von ESG-Kriterien hinterherhinkt. »Die Firmen fangen jetzt erst an, auf Scope-3-Ebene ihre Produktion nachhaltiger zu gestalten«, so der Experte. Was den Unternehmen bei der Dekarbonisierung jedoch enorme Probleme bereitet, ist die flächendeckende Entwicklung und zeitnahe Zulassung kreislauffähiger Bauprodukte sowie ganzheitliche Lösungen zur Materialrückführbarkeit.

Die Ergebnisse im Detail
Dass im Vergleich zum letzten Jahr etwas Druck vom »Kostenkessel« genommen wurde, zeigen die Ergebnisse der Befragung. Während Liquiditätssicherung im vergangenen Jahr noch an erster Stelle der wichtigsten Managementthemen stand (von 67 % als »sehr wichtig« bewertet), liegt es jetzt an siebter Stelle (38 % werten es »sehr wichtig«). Neu auf Platz eins steht die Optimierung von Kosten- und Ertragsstrukturen. Durch die Kostenoptimierung verhindern die Unternehmen größere Gewinnrückgänge im laufenden Jahr. Sie rechnen für 2024 durchschnittlich mit einem leichten Umsatzminus von 0,1 Prozentpunkten.

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Bei österreichischen Unternehmen ist die Einschätzung wie eingangs erwähnt noch etwas pessimistischer (-3,6 %). »Die Kosten im Griff zu behalten, bleibt daher wichtig, gerade in Hinblick auf die anhaltend hohen Material- und Personalkosten«, sagt Bergsmann. Für 53 Prozent der befragten Firmen ist der Handwerker- und Fachkräftemangel ein »sehr großes« Problem, für weitere 30 Prozent ein »großes« Problem. Die Mehrheit der Firmen rechnet damit, dass die Baukosten aufgrund steigender Personalkosten auch wieder in die Höhe klettern, gerade im Hauptbaugewerbe. Potenzial für weitere Verbesserung von Kosten- und Erlösstrukturen gibt es Bergsmann zufolge genug. »Reines personelles Cost-Cutting bringt die Firmen nicht weiter, für nachhaltige Verbesserungen müssen die Strukturen tiefergehend verschlankt und neu organisiert werden. Da ist die Branche noch nicht so weit wie andere Industrien«, so Bergsmann.

KI bei Randthemen im Einsatz
Das große Buzz-Thema unserer Zeit, die Künstliche Intelligenz, steckt bei den Unternehmen noch eher »in den Kinderschuhen«. Sechs von zehn Firmen geben an, in diesem Thema höchstens im »Beginner«-Stadium zu sein, also sich erst noch ein Bild über Nutzungsmöglichkeiten zu machen beziehungsweise einzelne Anwendungen zu testen. »Das Bild entspricht dem im Maschinen- und Anlagenbau und ist nicht als kritisch zu bewerten«, so Bergsmann. »Man kann auch nicht sagen, dass im Bereich der Digitalisierung nichts passiert ist. Die Unternehmen haben die Auftragsflaute schon genutzt, um ihre digitale Transformation voranzutreiben. Allerdings sollte das unbedingt verzahnt mit organisatorischen Umstrukturierungen erfolgen.«

Man müsse berücksichtigen, dass KI höhere Investitionen erfordert, viele Unternehmen aktuell aber sparen müssten. »Die Unternehmen setzen KI heute eher in Randbereichen ein, wie dem Marketing oder der Buchhaltung, aber kaum im eigentlichen Kerngeschäft, dem Bauen.« Dabei gibt es laut Bergsmann hier einige Bereiche mit enormem Potenzial, etwa in der Planung oder bei der frühzeitigen Erkennung von potenziellen kaufmännischen Problemen, die bei einem Projekt entstehen können. »Aber noch sind das Nischenanwendungen«, so Bergsmann.

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